interview hier zufällig ausgewählt. systematisch kann auf die interviews über studierende oder lehrende zugegeriffen werden

interviewer:
Simone Kaempf
2006-05-20





Michael Thurnherr
wie würden Sie jemand anderem ihren job erklären?
Ich sehe meinen Job so: als Anwalt für Nutzer tätig zu sein, ihre Bedürfnisse zu erkennen, ernst zu nehmen, sie in einen Entwicklungsprozess miteinzubeziehen neben den sowieso wichtigen Punkten und Argumenten in einer Produktentwicklung. Im Moment machen wir verschiedene Ausstellungsprojekte: Dauerausstellungen für die nächsten 20 Jahre und Wanderausstellungen, wo es neben dem Inhalt auch ums schnelle Auf- und Abbauen und die Anpassbarkeit an örtliche Gegebenheiten geht. Ein Kunde ist ein Naturmuseum, und in diesem Fall geht es vor allem um die Frage: Wie kommuniziert man Natur? Ich arbeite in dem Sinn traditionell, dass Firmen zu mir kommen und Produkte möchten. Manchmal kann ich sie überzeugen, die Problemstellung in einen grösseren Zusammenhang zu stellen, manchmal hat dieser Wunsch auch schon zum Projektende und zum Rausschmiss geführt.

wann und warum wurden Sie ans ID4 berufen?
Ich habe in Zürich bei Franco Clivio studiert, einem ehemaligen Studienkollegen von Nick. Die Ausbildung in Zürich war sehr schulisch. Es gab Meisterschüler, wie man es von den Kunstgewerbeschulen kennt. Aber Clivio schickte seine Schäfchen immer mal zu Nick ins Büro - wahrscheinlich sehr bewusst. Während des Praktikums in Ulm wurde ich komplett auf den Kopf gestellt, wie das eben Nicks Talent ist, einem die Brille wegzunehmen und zu sagen: schau mal. Das hat bei mir enorm viel ausgelöst. Der Kontakt ging dann nicht mehr verloren. Als ich ihm meine Diplomarbeit zeigte, die eigentlich speziell für Zürich gemacht war, war ich überrascht, dass sie ihm gefiel. Er hatte die Idee, in einem ID4-Projekt den langen Entstehungs-Weg so einer Arbeit unterzubringen.

welche Aufgaben haben sie übernommen?
War dann Travelling-Teacher in drei Kurzzeitprojekten. Wie diese en detail zu füllen waren, hat er mir total freigestellt. Die Projekt-Titel lauteten: Verbindung-Bindung-Connection - als kontinuierlicher Ablauf von banal technischen Fragestellungen à la "Wie verbinde ich Holz mit Glas?" bis zur komplexeren Verbindung "Was hat Design mit dem Leben zu tun?". Ziel war nicht, zu definieren, was der Designer ist, sondern was er sein könnte. Für mich als beginnend selbstständiger Designer war es toll, mit Studenten an einen Thema zu sitzen, das keinen kommerziellen Zielen folgt und sich parallel reflektierend zu fragen, was tue ich da eigentlich?

was fällt ihnen zu der zeit und den umständen spontan ein?
Ich fuhr immer für eine Woche nach Berlin, Karin bereitete alles vor und ich reiste danach wieder ab. Schwierig, Genaueres über die Umstände am ID4 zu sagen. Die schulinternen Konkurrenz-Geschichten waren auffällig. Verunsichernd für mich, dass ein Projektthema in einer anderen Abteilung fast identisch gestellt wurde.

besonderheiten der studenten-generation, mit der sie zu tun hatten?
Höchst kritisch, nahmen kein Blatt vor den Mund. Es gab auch jene, die wie Nick redeten. Das kannte ich ähnlich aus der traditionellen Ausbildung in der Schweiz, wenn ein Schüler das Handwerk des Meisters kopiert. Von Nick war natürlich das Selber-meistern gewünscht. Bereits im Praktikum in Ulm empfand ich die Mit-Studenten nicht als angehende Designer im tradierten Sinne. Das hat Kehrseiten. Ich bin auch Architekt, kannte die Praxis und sah die Diskrepanz zu einer Form, die man am Ende finden muss. Oft staunte ich - gerade aus Schweizer Sicht - wie wortgewandt die Studenten intellektuelle Netzwerke bilden konnten. Oft haperte es nach dem Wort aber an der Tat.

übereinstimmungen / inspirationen / reibungen an nick roerichts positionen?
Für mich wurde die Suche zur eigentlichen Methodik. Während des Praktikums in Ulm war das natürlich auch anstrengend. Dem Wunsch zu widerstehen, sich zurückzulegen und zu sagen, ja, jetzt haben wir’s. Aber das Ziel, die Fragen immer wieder neu zu stellen - eine grosse Inspiration für mich, das im Studium zu hören und in einem Büro zu erleben, wo das Alltag wird. Er hat ja auch nie gesagt, ich lehre und Du hörst mir zu, sondern eher: finde für Dich heraus, was stimmt. In dem Moment war das sehr anstrengend, fast zerstörerisch. Nach der ersten Woche in Ulm war ich kurz, davor wieder abzureisen. Es bringt einen aber auch unglaublich weiter. Roerichts wesentlichen Beitrag habe ich immer darin gesehen, dass er jedem Teil-Aspekte eines Idealbilds einpflanzt. Denn ein guter Meister schafft keine Kopien.

kontakt / zusammenarbeit mit damaligen mitmachern und ID4lern?
Zusammenarbeit nein. Kontakte zum Teil zu ehemaligen Studenten. Zu Karin Schmidt-Ruhland und Guido Englich.

was würden sie im nachhinein, angenommen die zeitreise wäre bei gleicher ausgangslage möglich, anders machen?
Der Designer, der mit Nick zusammen war, würde wohl alles wieder anders machen, oder? Andererseits nein, das ID4 war Werkstatt und Labor. Ich habe es so durchgezogen, wie ich es geplant hatte.

wie hat sich, seit sie arbeiten/lehren, das verhältnis des entwerfers zum handwerkszeug verändert?
In den Grundsätzen nicht verändert. Die Werkzeuge haben sich weiterentwickelt. 3-D-Computerprogramme bieten heute mehr Möglichkeiten. Aber früher hatte man auch verschiedene Darstellungsmöglichkeiten und damals schon entschied die Methode das Resultat.

sehen Sie die disziplin design mittlerweile übergehen, mutieren, sich entwickeln in andere formen und ausrichtungen?
Der Begriff hat sich verändert. Und das hoffe ich weiter für die Zukunft. Neue Tools können neue Möglichkeiten schaffen.

welche hoffnungen oder befürchtungen knüpfen Sie daran?
Hoffnung, dass sich das auch bei meinen Kunden ändert. Ich merke in anderen Ländern, zum Beispiel in Holland, bei Aufträgen ein erweitertes Verständnis in Nicht-Design-Kreisen. In der Schweiz gilt die Innovation, das Verfahren und der Prozess nicht als Metier des Designers.

wie kann man tun, um designer nicht nur für heute, sondern für die nächsten jahrzehnte ihres berufslebens auszubilden?
Immer weiter suchen. Neu definiert suchen. Auch mal falsch liegen. Es gab auch bei Nick die Momente, wo man dachte, vielleicht so doch nicht. Ich glaube an die Methode: nie still sitzen, sich nie auf dem abstützen, was man heute weiss, nach links, rechts, oben, unten schauen.

worauf könnten Sie leicht verzichten?
Auf Schubladendenken und zuviele Abgrenzungen. Deswegen auch auf die Berufsbezeichnung Designer. Und dass jeder nur auf eine Kompetenz beschränkt wird. Das hat mit Angst zu tun. Ich könnte gut darauf verzichten, dass Menschen Angst haben. Angst lähmt und verhindert.